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Burghard Zacharias

Auszug aus dem Buch "Vision Kilimanjaro"

2b. Höher hinauf geht es in Afrika nicht


[Pünktlich 0:00 Uhr. Minja hat mich soeben geweckt. Ich war tatsächlich ein wenig weggedruselt. Es ist dunkel. Irgendjemand hat das Licht im Raum ausgeschaltet. Auch andere rumoren herum. Minja hat eine Taschenlampe und leuchtet mir beim Packen. Er reicht mir Tee und ein Ei, ein paar Kekse und eine Banane. Ich ziehe mich an: Pelzmütze, Unterhemd, T-Shirt, langärmliges Hemd, Pullover, Weste, Jogging-Jacke, Bergjacke, Jogging-Hose, Jeans, Allwetterhose, Handschuhe.]


Die ersten Stunden des Aufstiegs ab der Hütte sind nicht sonderlich spektakulär. Ich überspringe sie und setze mit ausgewählten Textpassagen über die letzten Höhenmeter vor dem Gipfelsieg fort.

...

[Und weiter geht es. Jetzt wird es noch steiler. Klettern müssen wir nicht. Ich horche in mich hinein, was denn so die Höhenkrankheit macht – o.k. sie hält sich erfreulich bedeckt. Meine Knie werden immer weicher. Die Beine sind schwer. Wir gehen in Serpentinen bergauf. Der Weg führt durch ein mit Lavabrocken übersätes Feld auf sandartigem Untergrund. Fast kein Schnee liegt hier. So können die kleinen Geröllsteine auf dem Weg voll ihre Wirkung entfachen – drei Schritte vorwärts, ein Schritt zurückgerutscht.


Mein Sohn, der diesen Weg vor einigen Jahren gegangen ist, hatte mir mit auf den Weg gegeben: „Also, Vater, wenn Du den Gilman’s Point auf dem Kraterrand erreicht hast, darfst Du berechtigt behaupten, oben gewesen zu sein.“


Dieser Satz drängt sich mehr und mehr in mein Bewusstsein. Mit jedem Meter gewonnener Höhe finde ich ihn bedeutsamer. Im Kopf bastele ich an dem Wortlaut meiner Erklärung für zu Hause, warum ich bis zum Gilman’s Point gegangen bin und nicht weiter. Und dann ist da wieder eine innere Stimme, die sagt: „Lass Dich ja nicht verleiten. Du wolltest ganz nach oben, also tu es“. Diese Stimme wird immer schwächer.


Uns fehlen noch ca. 300 m Wegstrecke bis zum Gilman’s Point, als hinter uns, tief unter uns, direkt über dem Mawensi, die Sonne aufgeht. Wir machen Rast zum Filmen.


Ich habe etwas Besonderes erwartet. Das, was ich zu sehen bekomme, erfüllt alle meine Erwartungen. Fast zweitausend Meter unter uns breitet sich ein Ozean von Wolken aus, an dessem Ufer riesige Wolkenwellen gespensterhaft an den Kilimanjaro branden. Nicht weit über uns verdeckt ein wabernder „Vorhang“ den Himmel. In diesem Vorhang öffnet sich direkt über dem Mawensi ein blendend helles, an den Rändern ausgefranstes, ellipsenförmiges Loch. Innen ist es nahezu weiß. Gelbschattierungen markieren die Ränder und über rot geht es in immer dunkler werdende Wolken zu schwarz über. Die Farben verschwimmen und verweben sich ständig.


Dort hinein ragt unwirklich schemenhaft die mehrfach gezackte Spitze des Mawensi. Hanzelka und Zikmund beschreiben in ihrem Buch /3, 2. Band, S. 143/, wie sich bei ihrem Aufstieg in Sekundenschnelle die Farben am östlichen Horizont von dunkler Zyklamenfarbe über leuchtendes Karmin zu einem Netzwerk von Bronze und Siena wandelten und im Höhepunkt des Geschehens der Eindruck entstanden ist, als wenn ein blendender Blutstrom in unwirklicher und phantastischer Art den Himmel durchflossen hat. Dem kann ich nur zustimmen.


Ich bin von dem Anblick überwältigt, vergesse meine Erschöpfung und filme in das Farbenmeer hinein, was das Zeug hält. 









Abb. 86  Sonnenaufgang über dem Mawensi

Allerdings nicht lange, denn die Kamera informiert mich, dass ich ganz schnell die Batterie wechseln möge. Hatte ich doch unbedachter Weise die Batterie in der Kamera gelassen und die Kamera in der Kameratasche umgehängt getragen. Das, was mir schon am Mt. Kenia beinahe „die Suppe versalzen“ hätte, wiederholte sich, und es hätte hier eigentlich nicht passieren dürfen, ja, eigentlich. Um noch genügend Strom für Aufnahmen weiter oben zu haben, lasse ich die Batterie schnell in einer Tasche dicht am warmen Körper verschwinden.



Wir sind am Gilmans Point angekommen.  Die Sicht über den Kraterrand und in den Krater hinein ist klar. Im K​rater liegt Schnee. Einzelheiten sind nicht erkennbar. Mein Unterbewusstsein will Verantwortung loswerden. Ich schaue Minja an und frage: „Wie nun weiter?“ Seine Antwort ist einfach und praktisch: „Lass uns erst einmal die üblichen Fotografien machen und etwas essen.“ Er reicht mir eine Banane und ein Ei. Aus meiner Teeflasche trinke ich mehrere tiefe Schlucke.

Abb. 87:  Am Gilman's Point

Ich spüre, wie sich meine Kräfte sammeln und meinen inneren Negativverführer zur Ordnung rufen.


„Dort müssen wir hin“, sagt Minja und zeigt nach Westen, auf die Uhuru Spitze. Die fehlenden 214 m Höhenunterschied zu unserem jetzigen Standort sieht man dem Berg auf die Entfernung nicht an.

Nochmals überprüfe ich mein Innerstes, ob sich Lungen- oder Hirnödem ankündigen. Nichts scheint darauf hinzuweisen.









Abb. 88:  Blick zum Uhuru Peak

[Minja geht wieder voraus, und ich stapfe hinterher, und stapfe, und stapfe, und stapfe. Um mich herum ist alles weiß von Schnee, der in der Sonne glänzt und blinkt. Ich nehme das alles schemenhaft wahr und denke nur immer: „Ruhig durchatmen, nicht stehen bleiben, wann ist denn diese Tortur endlich zu Ende?“ Diese Satzfetzen kreisen in meinem Kopf, und kreisen und kreisen.

Und dann sind wir ganz oben. Ganz oben. Da steht das Schild „congratulations“, und ich stehe irgendwie neben mir.]






Abb. 89:  Meditation am Uhuru Peak

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