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Burghard Zacharias

Auszug aus dem Buch "Vision Kilimanjaro"

2a. Höher hinauf geht es in Afrika nicht


Pünktlich 0:00 Uhr. Minja hat mich soeben geweckt. Ich war tatsächlich ein wenig weggedruselt. Es ist dunkel. Irgendjemand hat das Licht im Raum ausgeschaltet. Auch andere rumoren herum. Minja hat eine Taschenlampe und leuchtet mir beim Packen. Er reicht mir Tee und ein Ei, ein paar Kekse und eine Banane. Ich ziehe mich an: Pelzmütze, Unterhemd, T-Shirt, langärmliges Hemd, Pullover, Weste, Jogging-Jacke, Bergjacke, Jogging-Hose, Jeans, Allwetterhose, Handschuhe.


0:35 Uhr, die „Völkerwanderung“ ist in vollem Gange. Ich habe mein „Menü“ aufgeges-sen. Minja und ich starten. Der Träger bleibt in der Hütte. Er bewacht unser Gepäck und wird, sobald wir vom Gipfel, hoffentlich doch, zurück sind, mit uns gemeinsam zur Horombo Hut absteigen.


Bis zum Uhuru Peak sind es gut sechs Kilometer. Etwa 7 ½ Stunden hat Minja für den Aufstieg kalkuliert. Erste Gruppen sind bereits fort, andere rascheln noch irgendwo im Raum.


Minja, mit seiner Taschenlampe, geht voraus. Ich überlege, wie er in dem Geröll den richti-gen Weg ausmacht. Aber irgendwie müssen wir wohl richtig sein, weil uns eine andere Gruppe mit sechs Personen überholt, und bald kommen wir an ersten Nachzüglern von Vorausgruppen vorbei. Es werden mehr und mehr. Bis zum Gilman’s Point zähle ich acht Personen.Viele laufen relativ schnell und machen nach ein paar Schritten Pause. Minja und ich ge-hen langsam, ohne anzuhalten: Schritt - - Schritt - - Schritt - - Schritt - Schritt – … – 12,5 m pro Minute. Das ist gegenüber dem mir im Vorfeld oft Erzählten zu langsam, aber Min-ja meint, besser zum Durchhalten.


In 5.150 m Höhe erreichen wir das Hans Meyer Cave, eine von Fels überdachte Einbuchtung im Berg. Hier rasten wir, wie bereits Hans Meyer bei seinem Aufstieg. Minja reicht mir einen kleinen Imbiss.


Und weiter geht es. Jetzt wird es noch steiler. Klettern müssen wir nicht. Ich horche in mich hinein, was denn so die Höhenkrankheit macht – o.k. sie hält sich erfreulich bedeckt.


Meine Knie werden immer weicher. Die Beine sind schwer. Wir gehen in Serpentinen bergauf. Der Weg führt durch ein mit Lavabrocken übersätes Feld auf sandartigem Untergrund. Fast kein Schnee liegt hier. So können die kleinen Geröllsteine auf dem Weg voll ihre Wirkung entfachen – drei Schritte vorwärts, ein Schritt zurückgerutscht.


Mein Sohn, der diesen Weg vor einigen Jahren gegangen ist, hatte mir mit auf den Weg gegeben: „Also, Vater, wenn Du den Gilman’s Point auf dem Kraterrand erreicht hast, darfst Du berechtigt behaupten, oben gewesen zu sein.“


Dieser Satz drängt sich mehr und mehr in mein Bewusstsein. Mit jedem Meter gewonnener Höhe finde ich ihn bedeutsamer. Im Kopf bastele ich an dem Wortlaut meiner Erklärung für zu Hause, warum ich bis zum Gilman’s Point gegangen bin und nicht weiter. Und dann ist da wieder eine innere Stimme, die sagt: „Lass Dich ja nicht verleiten. Du wolltest ganz nach oben, also tu es“. Diese Stimme wird immer schwächer.


Uns fehlen noch ca. 300 m Wegstrecke bis zum Gilman’s Point, als hinter uns, tief unter uns, direkt über dem Mawensi, die Sonne aufgeht.


Wir machen Rast zum Filmen.


Ich habe etwas Besonderes erwartet. Das, was ich zu sehen bekomme, erfüllt alle meine Erwartungen.


Fast zweitausend Meter unter uns breitet sich ein Ozean von Wolken aus, an dessem Ufer riesige Wolkenwellen gespensterhaft an den Kilimanjaro branden. Nicht weit über uns verdeckt ein wabernder „Vorhang“ den Himmel. In diesem Vorhang öffnet sich direkt über dem Ma-wensi ein blendend helles, an den Rändern ausgefranstes, ellipsenförmiges Loch. Innen ist es nahezu weiß. Gelbschattierungen markieren die Ränder und über rot geht es in immer dunkler werdende Wolken zu schwarz über. Die Farben verschwimmen und verweben sich ständig. Dort hinein ragt unwirklich schemenhaft die mehrfach gezackte Spitze des Mawensi.


Hanzelka und Zikmund beschreiben in ihrem Buch / 3, 2. Band, S. 143/, wie sich bei ihrem Aufstieg in Sekundenschnelle die Farben am östlichen Horizont von dunkler Zyklamenfarbe über leuchtendes Karmin zu einem Netzwerk von Bronze und Siena wandelten und im Höhe-punkt des Geschehens der Eindruck entstanden ist, als wenn ein blendender Blutstrom in un-wirklicher und phantastischer Art den Himmel durchflossen hat. Dem kann ich nur zustimmen.


Ich bin von dem Anblick überwältigt, vergesse meine Erschöpfung und filme in das Farbenmeer hinein, was das Zeug hält.


Abb. 86:  Sonnenaufgang über dem Mawensi


Wir sind am Gilman’s Point angekommen. Die Sicht über den Kraterrand und in den Krater hinein ist klar. Im Krater liegt Schnee. Einzelheiten sind nicht erkennbar.


Abb. 87:  Am Gilman’s Point

 

Mein Unterbewusstsein will Verantwortung loswerden. Ich schaue Minja an und frage: „Wie nun weiter?“ Seine Antwort ist einfach und praktisch: „Lass uns erst einmal die üblichen Fotografien machen und etwas essen.“ Er reicht mir eine Banane und ein Ei. Aus meiner Teeflasche trinke ich mehrere tiefe Schlucke.Ich spüre, wie sich meine Kräfte sammeln und meinen inneren Negativverführer zur Ordnung rufen.


„Dort müssen wir hin“, sagt Minja und zeigt nach Westen, auf die Uhuru Spitze. Die fehlenden 214 m Höhenunterschied zu unserem jetzigen Standort sieht man dem Berg auf die Entfernung nicht an.


Abb. 88:  Blick zum Uhuru Peak


Nochmals überprüfe ich mein Innerstes, ob sich Lungen- oder Hirnödem ankündigen. Nichts scheint darauf hinzuweisen.Ganz im Gegenteil, nach dem Lesen einschlägiger Reisebeschreibungen hatte ich mir den Aufstieg katastrophaler vorgestellt. „Das muss doch zu machen sein“, denke ich, „da hast Du in der Hohen Tatra bergsteige-risch schwierigere Strecken bewältigen müssen“. „Also los“, sage ich.


Der Rest bis zur Spitze verläuft wie im Traum. Minja geht wieder voraus, und ich stapfe hinterher, und stapfe, und stapfe, und stapfe.


Um mich herum ist alles weiß von Schnee, der in der Sonne glänzt und blinkt. Ich nehme das alles schemenhaft wahr und denke nur immer: „Ruhig durchatmen, nicht stehen bleiben, wann ist denn diese Tortur endlich zu Ende?“ Diese Satzfetzen kreisen in meinem Kopf, und kreisen und kreisen. Mit jedem Meter mehr an Höhe wird der Aspekt „Hoffnung auf das Ende“ im Vergleich zu den beiden anderen Aspekten immer vordergründiger.


Und dann sind wir ganz oben. Ganz oben. Da steht das Schild „congratulations“ , und ich stehe irgendwie neben mir.


Abb. 89:  Meditation am Uhuru Peak

     ​       Ihre Maj​estät  -  der Kilimanjar​o

Das Statement in sauerstoffarmer Luft spricht Bände

Unvorbereitet gesprochen,  unmittelbar aus der Situation heraus

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